Warum lose Kontakte beim Jobfinden oft wertvoller sind als enge Freunde

Die unterschätzte Kraft deiner Bekannten

DEKORATIV

Viele Studierende glauben, dass nur enge Beziehungen beim Berufseinstieg helfen: Familie, Freunde oder Menschen, die einen schon lange kennen. Bestenfalls hat man Vitamin B, mächtige Kontakte oder Verwandte in Führungspositionen. 

Aber was, wenn das Gegenteil der Fall ist? Die Antwort überrascht: Es sind oft nicht die Menschen, die dir am nächsten stehen. Sondern genau die losen Bekannten, die du vielleicht unterschätzt. 

Warum funktioniert das? 

Stell dir dein Netzwerk wie Inseln vor. Deine Familie ist eine Insel, deine Studienfreund*innen eine andere, deine Praktikumskolleg*innen noch eine. Lose Bekannte sind die Brücken zu neuen Inseln. Sie verbinden dich mit Menschen, Branchen und Informationen, die sonst für dich unsichtbar bleiben würden. Deine engsten Freunde bewegen sich meist in denselben Kreisen wie du und haben ähnliche Informationen, kennen dieselben Unternehmen. Lose Bekannte hingegen sind in anderen Netzwerken unterwegs und bringen deshalb neue Perspektiven, Kontakte und Chancen mit. 

Ein Beispiel: Deine beste Freundin im Studium, kennt dieselben Unternehmen und hat ähnliche Ideen, wo man sich bewerben könnte. Die Praktikumskollegin von vor zwei Jahren arbeitet jetzt vielleicht im Naturschutz statt im Labor oder in der Politikberatung statt in der Kanzlei. Sie kennt Organisationen und Stellen, von denen du noch nie gehört hast. Und bei einem Gespräch erwähnt sie vielleicht eine Stelle, die interessant für dich sein könnte. 

Dieses Prinzip ist nicht neu: Der Soziologe Mark Granovetter zeigte schon 1973, dass lose Bekanntschaften oft wertvoller in der Jobsuche sind als enge Freundschaften. Eine Studie mit über 20 Millionen LinkedIn-Profilen bestätigte das 2022: Gerade moderat lose Kontakte helfen am effektivsten beim Jobfinden.  

Was bedeutet das für dich?  

1. Erweitere deine Definition von „hilfreichem Kontakt" 

Der Kommilitone aus dem anderen Studiengang, die Kollegin aus dem Nebenjob, jemand, den du bei einer Veranstaltung oder einem Workshop kurz kennengelernt hast, sind alle potenzielle Brücken. Frag dich: 

  • Wen kenne ich eigentlich aus anderen Bereichen als meinem Studiengang?
  • Mit wem hatte ich mal einen kurzen, aber guten Austausch, den ich nie weiterverfolgt habe? 
     

2. Halte lose Kontakte bewusst 

Wenn dir ein spannender Artikel begegnet, der zu jemandem passt, dann teile ihn. Wenn du siehst, dass jemand einen neuen Job angefangen hat, dann gratuliere kurz. Kleine Gesten halten Brücken offen, ohne dass es gezwungen wirkt. 

Konkrete mögliche nächste Schritte: 

  • Verbinde dich auf LinkedIn, Instagram oder Bluesky oder schreibe eine kurze E-Mail an Menschen, nachdem du sie kennengelernt hast
  • Nutze Alumni-Netzwerke deiner Uni, denn auch wenn die Leute nicht alle genau das machen, was du dir vorstellst, ist manchmal gerade der ungewöhnliche Werdegang spannend
  • Wenn du von jemandem einen hilfreichen Tipp bekommen hast, melde dich Monate später kurz zurück: "Dein Hinweis hat mir geholfen, danke!"
     

3. Trau dich, Bekannte anzusprechen 

Das ist oft die größte Hürde: "Ich kann doch nicht einfach nach zwei Jahren plötzlich schreiben!" Doch, kannst du. Die meisten Menschen freuen sich, wenn jemand an sie denkt. Hier ist ein Beispiel für einen einfachen Einstieg: 

"Hallo [Name], ich studiere gerade [X] und bin dabei, mich über Berufsmöglichkeiten zu informieren. Ich erinnere mich, dass du bei [Y] arbeitest. Hättest du vielleicht 15 Minuten für ein kurzes Gespräch über deinen Weg dorthin?" 

Das ist echtes Interesse an einem anderen Menschen und genau das macht Netzwerken aus. 

Zum Schluss drei Reflexionsfragen für dich 

Nimm dir ein paar Minuten und überlege: 

  1. Wer sind drei Menschen außerhalb meines engsten Kreises, die in Bereichen arbeiten, die mich interessieren? (Auch wenn ich sie nur flüchtig kenne)
  2. Wo könnten solche Brücken entstehen, wenn ich aktiv wäre? (Alumni-Events, Fachveranstaltungen, Infoveranstaltungen von Arbeitgebenden, Vorträge in deinem Interessensgebiet, Workshops, Gespräche mit Lehrenden) 
  3. Was hält mich davon ab, diese Kontakte anzusprechen? Schreib es ehrlich auf. Oft merkst du dann: Die Hürde ist kleiner, als sie sich anfühlt. 




Anne Hoenen
Karriereberaterin bei Uniport 

 

 

 



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